Morz und wie er die Welt sah...

Sonntag, Juli 12, 2015

Unterwegs wie Tom Saywer und Huckleberry Finn



Liebe Freunde,

zu meinem letzten Geburtstag habt ihr alle zusammengelegt und mir eine Floßfahrt geschenkt. Vielen lieben Dank euch dafür. Nun möchte ich euch von meinen Erlebnissen auf den Seen Brandenburgs berichten.

Anne und ich haben uns für die Floßfahrt das lange Wochenende um Fronleichnam rausgesucht, weil zu diesem, nur in Süddeutschland existierenden Feiertag, wohl nicht viel los, aber es schon warm sein sollte. Und das stimmte. Glücklicherweise stand gerade eine Sondererprobung bei mir in der Abteilung an und so hatten wir ein Cabrio zur freien Verfügung. Anne machte das Cabrio sogar so viel Spaß, dass sie es am Ende des Wochenendes gar nicht wieder hergeben wollte. 

Also haben wir unsere Sachen in Volumen eines halben Umzugs in den Kofferraum gequetscht und auf ging es nach Beeskow. Dieses kleine Örtchen liegt etwas nördlich des Spreewalds und wir waren an dem Tag erwartungsgemäß die einzigen, die ein Floß leihen wollten. Unseres hörte auf den Namen „Robinson Crusoe“ und bestand aus vier Pontons, auf die eine Hütte mit kleinem Außenboarder gezimmert worden war. Offiziell dürften bis 8 Personen auf unsere schwimmende Insel, aber der Platz lässt meines Erachtens nur 3-4 Leute zu. In der Hütte befinden sich Holztruhen zum Verstauen der Sachen und nachts legt man noch ein paar Bretter dazwischen und erhält eine tolle Liegewiese von 3x3 Metern.

Wir sprangen sofort aufs Boot und fuhren erst einmal nur ein paar hundert Meter, bis wir eine ruhige Bucht fanden, um nach der langen Fahrt Siesta zu halten. Anne legte sich aufs Dach, um die Sonne in vollen Zügen zu genießen, während ich mich an der Natur und dem Ausblick erfreute. Eines kann ich euch sagen: Um Beeskow ist die Natur noch in Ordnung. Wir ankerten an einem Seerosenfeld und sogleich ließen sich Nutrias und sogar ein Seeadler vor dem Floß blicken. Leider waren sie Publikum nicht so gewöhnt und daher etwas kamerascheu. Danach verputzten wir unser mitgebrachtes Mittagessen und genossen die Ruhe. Es war einfach idyllisch.

Als es langsam Abend wurde, schmissen wir unsere PS-Schleuder an und fuhren – lässig vom Dach aus steuernd - die Spree hinunter, an badenden Kindern und Spreewiesen vorbei, bis nach Leißnitz. Hier kreuzt eine kleine Fähre die Spree. In einer kleinen, von der Spree abgetrennten Bucht fanden wir unser Abendquartier. Und wir parkten wieder inmitten von Seerosen (hab keine zerstört). Weil es warm war, sind wir erstmal zum Abkühlen ins Wasser gesprungen. Es war zwar nicht sehr tief und der Boden recht schlammig, aber dennoch sehr erfrischend. Zum Glück gesellte sich kein anderes Boot in unsere Nähe, so dass niemand seine gierigen Blicke auf unser kulinarisches Festmahl auf dem Grill werfen konnte. Anne hatte für alles gesorgt. Es gab gegrillte Garnelen, Hühnchen und Couscoussalat. Nobel geht die Welt zu Grunde. Bei einem Feierabendbier bestaunten wir noch die ersten Sterne am Himmel über unserem Tausend-Sterne-Hotel und zogen uns dann glücklich in unsere Hütte zurück. 

Es ist toll, morgens direkt aus dem Schlafsack ins Wasser hüpfen zu können. Nach dem Morgenbad zeigte sich ein Problem: Wir hatten den falschen Typ Kartusche für den Campingkocher gekauft. Also kein Kaffee zum Frühstück. Anne wird aber unleidlich, wenn es keinen Kaffee am Morgen gibt. Also hieß es nach dem recht kurzen Frühstück Leinen los, und wir steuerten den nächstgelegenen Campingplatz an, um eine Kartusche zu kaufen. Dieser Campingplatz war aber eher etwas für sesshafte Eigenheimbesitzer mit Garten und Zaun hinter dem Wohnwagen. Leider gab es keine Kartusche, dafür aber Kaffee für Anne und eine Eisschokolade für mich. Der Tag war gerettet. 

Heute wollten wir etwas Strecke machen, denn wir planten, heute noch bis zum Neuendorfer See zu kommen. Also bogen wir kurz vor dem Schwielochsee rechts ab und landeten in einem Kanal, der sehr an den Spreewald erinnerte. Hier und dort gab es Wassergrundstücke mit Bootsanleger, aber im Großen und Ganzen schlängelte sich die Spree in diesem Kanal unter schattenspendenden Erlen dahin. Nur wenige Passagen waren abgeholzt. Meist schauten uns die Enten, Reiher und Angler verträumt von Ufer aus zu und beachteten uns nicht weiter. Rechts und links eröffneten sich immer wieder Blicke in Altarme der Spree, die wir leider nicht befahren konnten. Nach wenigen Kilometern unterquert man dann eine schöne alte Zugbrücke, die viel ländlichen Charme versprüht und die ich eher nach Holland verortet hätte. Immer wieder begegneten uns einige Paddler, die unser Floß verdutzt beäugten. Auf der Hälfte unserer heutigen Strecke tauchte auf einmal eine Schleuse auf. Die Schleuse Kossenblatt macht den Eindruck, als sei sie für weitaus größere Schiffe gebaut worden, die sich glücklicherweise nicht in diesen Teil der Spree verirren. Hinter einigen Hagebuttensträuchern konnten wir sogar noch die alte Backsteinschleuse aus dem 19.Jahrhundert erkennen. Die Schleuse ging vollautomatisch und nach der Schleuse waren wir soweit erschöpft, dass wir eine Siesta im Schatten einer Erle einlegten. 

Ups, schon vier? Anne hatte geschlafen und ich beim Lesen nicht auf die Zeit geachtet. Wir wollten ja noch zum Neuendorfer See. Und so hieß es Vollgas, so dass wir mit 7km/h durch den Kanal preschten und mit dem Mund die ersten Mücken aufsammelten. Wir erreichten kurz vor der letzten Schleusung um 19Uhr die Schleuse in Alt Schadow – dem Tor zum Neuendorfer See. Die Schleuse mutete eher wie ein Feuerlöschteich an und nachdem wir das Floß talwärts festgemacht hatten, setzten wir uns – immer noch auf der Suche nach einer Kartusche – auf ein Eis ins Café. Naja, Café ist etwas übertrieben. Ein Anwohner hatte einen Imbisswagen der Pommes und Bier verkauft in seinem Garten aufgestellt, fand aber auch Eis in der Kühltruhe. Und während seine Katze gerade mit einem noch strampelnden Vogel im Maul ins Haus rannte, sagte er uns, wo wir vielleicht unsere Kartusche bekommen könnten. Und so fuhren wir bei tiefstehender Sonne entlang der Reusen in den Neuendorfer See ein, der sehr an den Schwielowsee bei Caputh erinnerte. Anne sprang vor einem Campingplatz von Bord und ich drehte in der Abendsonne meine Kreise, bis sie mit einer Kartusche zurück an Bord kam. Wir machten auf der gegenüberliegenden Seite des Sees am Schilf fest. Der Campingplatz war dennoch nicht weit genug entfernt, denn die Party schallte die halbe Nacht über den See und störte Angler und uns beim Schlafen. Nach dem Abendbrot (Nudeln aus dem neuen Campingkochset) legten wir uns aufs Dach und zählten die Sterne. Sogar ein paar Sternschnuppen ließen sich blicken. Ich hoffe, die Wünsche gehen in Erfüllung!

Am nächsten Morgen gab es endlich auch Kaffee nach der Dusche im See. Erleichtert ging es den gleichen Weg die Spree hinauf zurück (eine Rundtour ist für motorgetriebene Boote leider nicht möglich). Die Landschaft war genauso schön wir am Vortrag. Das einzig Neue war, dass sich ein Eisvogel während der Siesta vor unserem Boot blicken ließ. Am frühen Abend erreichten wir den großen Schwielochsee. Wir machten mitten im See den Motor aus, sprangen ins Wasser und ließen uns treiben. Ich versuchte mich sogar im Wasserski, scheiterte aber kläglich. Dann trieb uns ein kleiner, roter, schon etwas faltiger Ballon vor das Floß. Klara aus dem Waldorfkindergarten in Bernburg hatte uns geschrieben. Wie sie nur wusste, wo sie uns mitten auf dem See finden kann….? (Wir haben dem Mädchen vor ein paar Tagen mit ein paar Fotos geantwortet.). 

Am Rande des Schwielochsees hatten wir uns mit Annes Eltern verabredet, die mit ein paar Bier und Wein an Bord sprangen. Während Annes Mutter von früheren Campingurlauben aus dem Nähkästchen plauderte, versuchte ihr Vater auf dem neu gekauften Receiver über DVB-T das gerade laufende Championsleaguespiel reinzubekommen. Am Ende klappte es mit unserem Blechdach als Antenne und ca. 1-2 Bildern pro Sekunde. Nachdem das Spiel vorbei war, kam Wind auf. Und unsere zwei Klappanker waren zu schwach, um ein Abtreiben ins Schilf zu verhindern. Mit Paddeln und Schiffschraube im Schlamm kämpften wir einige Minuten gegen die Vegetation, bevor wir wieder frei kamen. Wir legten an der gegenüberliegenden Seite erneut an und leerten die letzte Flasche Wein, bevor ich Annes Eltern gegen 1:30 wieder zurück zu ihrem Van fuhr. 

Die Nacht war kurz, denn das Boot musste um 9:00 wieder abgegeben werden und wir noch 2:30 Stunden von Beeskow entfernt. Ich stellte mich also ans Ruder und fuhr stoisch durch den Morgen - immer in der Hoffnung, nicht am Steuer einzuschlafen. 3 vor 9 waren wir am Ziel. Die Übergabe lief glatt. Ich holte etwas Kaffee von der nahe gelegenen Tanke und wir packten unser Zeug wieder ins Auto. Und weil wir die letzten Tage noch nicht genug Erholung gemacht hatten, beschlossen wir, den Tag heute in der Saunalandschaft des Tropical Islands zu verbringen. Zufrieden und glücklich fuhren wir wieder zurück nach Süden.

Euch allen danken Anne und ich von ganzem Herzen für eine tolle Erfahrung mit hohem Suchtfaktor. Wir wünschen euch allen einen herrlichen Sommer und hoffen, euch bald mal wieder zu sehen.

Carpe diem,
Stefan

Donnerstag, Juni 27, 2013

Baltikum - Von Riga zurück nach Tallinn (22.-25.06.2013)



Liebe Freunde,

heute schreibe ich euch vom dritten und letzten Teil meiner Reise durch das Land der mit Kiefern gesäumten Ostseeküste, der roten Beete, Walderdbeeren und der Sprachen mit zu vielen ÜÜÜÜÜs und ÄÄÄÄÄs. Letzten Samstag nun war die Zeit des Abschieds gekommen. Des Abschieds von Alex. Sie musste aus beruflichen Gründen schon früher zurück nach Deutschland, hatte aber noch einen Tag in Riga zur Verfügung. Nach dem Frühstück verließen wir das Hostel in Richtung geparktem Auto und wünschten Alex noch einen schönen Tag in Lettland. Vor uns Jungs lag die wohl längste Etappe unserer Reise – von Riga nach Saaremaa – immer an der Ostseeküste entlang. Ich war allerdings bald von der Fahrt enttäuscht, da wir zwar parallel zur Küste fuhren, aber sie aufgrund einiger 100Meter Kiefernwalds nie zu Gesicht bekamen. Daher bogen wir zwischendurch mal ab, um an einer Stelle mit besonders schönen Klippen auf die Ostsee zu schauen. Ihr erinnert euch an meinen letzten Post? Genau, hier war es ebenso. Wir sind zwar einige Kilometer auf Waldwegen immer an der Küste entlang gefahren, bis wir vor einem Privatgrundstück standen und alles zurückfahren mussten, aber keine Klippen weit und breit. Trotzdem war die mit Findlingen übersäte Küste recht schön – in einem „schön anzuschauen“-Sinn, nicht im „schön hier baden zu gehen“-Sinn.  Dann verließen wir schließlich Lettland, in dem jedes zweite Wort wie Laubskaus klingt und betraten erneut das Land der Esten (in dem jedes zweite Wort wie Bikülää, ääh Bierkühler klingt). Am frühen Nachmittag trafen wir in Virtsu auf die anderen Mittsommernachtswilligen vor der Fähre. Es bildete sich eine lange Schlange vor dem Anleger, und wir mussten zwei Fähren ziehen lassen, bis wir endlich an Bord kommen durften. Doch schließlich lagen die Inseln vor uns.

Zuerst Muhu, die immer nur als Fußabtreter der größeren Insel Saaremaa gehandelt wird. Völlig zu Unrecht, wie ich finde. Neben dem besten Restaurant Estlands (dass wir zu meinem Bedauern aufgrund basisdemokratischer Abstimmung ausließen) besitzt Muhu auch noch einige Windmühlen, ganz zu schweigen von flacher grüner Landschaft, leuchtend gelben Rapsfeldern und dem Fischerdorf Koguva – unserem ersten Ziel. Dieses nach einem japanischen Landschaftsmaler der Edo-Epoche klingende Dorf ist heute ein Museumsdorf, dass mit 500 Jahren Inzucht von sich reden macht. Nein, ehrlich. Am Ortseingang steht als Hauptmerkmal, dass das Dorf 1532 gegründet wurde und dass es heute noch mehrheitlich von den Gründungsfamilien bewohnt wird. Fast alle Bewohner sahen aber zumindest rein äußerlich normal aus. Bis auf die Werke der ortsansässigen Künstlerin, die Bronzeskulpturen mit Rottweilerkörper und Penis mit Stachelhalsband als Kopf fertigte. Und die barbäuchigen Esten, die in der Nachmittagssonne vor ihrem Künstlercafé Wodka in sich hineinschütteten. Ansonsten war es nahezu menschenleer in Koguva. Vielleicht war ich doch etwas vorschnell mit meinem Urteil über Normalität. Am Hafen ließ man uns aber in das Fischereimuseum eintreten, welches eigentlich derzeit geschlossen war, da der ortsansässige Fischer gerade Mittagsschlaf hielt und wir fanden – nur alte Netze und Bojen. Kein Vergleich zum Kapitänsmuseum von Käsmu. Doch die Häuser des Dorfes machten schon einiges her. Sie waren alle reetgedeckt, von alten, bemoosten Steinmauern umgeben und in der Nachmittagssonne wildromantisch. Das andere Highlight auf Muhu ist die Straußenfarm. Leider schloss sie gerade, so dass wir unseren Besuch um zwei Tage verschieben mussten.

Über den Damm durch die Ostsee kamen wir schließlich nach Saaremaa. Torben hatte unsere Unterkunft im Voraus gebucht, denn wir fürchteten, zur Mittsommernacht sonst keine mehr zu bekommen. Nach einigem Suchen fanden wir sie auch – versteckt im Wald. Der Verwalter kam per Fahrrad und zeigte uns unsere kleine Hütte in der Größe der Huckleberry-Finn-Flöße auf der Havel. Wenn wir unser Gepäck im Auto lassen würden, würde es gehen. Außerdem gab es ein paar Holzhäuser, von denen eines bewohnt war. Wir nannten die 20-köpfige Partytruppe, die sich mit einer großen Anlage, aus der vom Dschingin-Khan-Klassiker „Moskau“ (auf Estnisch) bis Techno alles lief, und Bier über Wasser hielt, nur noch den Orden der Partybrüder. Während Torben und Jimmy versuchten, einen Laden für Abendbrot zu finden, packte ich schon mal aus. Und das estnische Mückentötulin von Torben zeigte seine chemische Überlegenheit mit ganzem Stolz, so dass ich bei Rückkehr der Jungs nicht als ausgeblutete Leiche vor der Hütte lag. Wir grillten mit geklautem Holz und Kohlen aus dem Laden und es wurde noch ein gemütlicher Abend (zu Technomusik).

Nachdem wir am nächsten Tag gegen Mittag von Techno geweckt wurden, beschlossen wir, die Insel zu erkunden. Also ab ins Auto und in den Nationalpark Vilsandi. Eine ältere Dame harrte tapfer allein im Besucherzentrum aus und erklärte uns anhand von detaillierten Karten alle Wanderwege der Insel. Wir versuchten es an der Küste und stellten fest, dass der Weg zur Insel Vilsandi durch mehrere Kiesbänke und bis zu hüfthohes Ostseewasser führte. Aber da der Tag schon fortgeschritten war, Torben seine Badehose und ich meine neu gekaufte Neoprenfüßlinge *stolz* leider in der Hütte gelassen hatten, entschieden wir uns gegen die Wanderung. Wenn ich noch einmal nach Saaremaa kommen sollte, werde ich nach Vilsandi wandern. Stattdessen fuhren wir auf Schotterwegen (mehrfach aufsetzend) an das Kap Undva, wo es am Strand Fossilien geben sollte. Auch hier waren wir nicht allein, denn eine estnische Familie trank sich schon für Mittsommernacht warm, aber die weit in die nur wenige Zentimeter tiefe Ostsee hinausragende Kiesbank war einfach traumhaft. Und in der Tat, bestand praktisch jeder dritte Stein, den ich umdrehte, aus Fossilien. Zwar habe ich weder Donnerkeil noch Ammoniten gefunden, aber viele versteinerte Korallen, Schwämme und Seeanemonen. Zumindest eine habe ich mir eingesteckt. Der Rest bleibt für andere Sammler. Die Rundtour führte uns nun weiter über die Panga pank - das sind erstmalig Klippen, die wir gefunden haben (wie die Kreidefelsen auf Rügen, nur kleiner und dennoch sehr schön), und die Mühlen von Angla (fünf nebeneinander aufgestellte Bockwindmühlen, die holländisch anmuten und voll von Touristen waren) hin nach Kaali. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund trafen die Insel Saaremaa mehr Meteoriten als jeden anderen Punkt der Erde. Und in Kaali befand sich ein Meteoritenkrater, der das Ideal eines Kraters darstellte: Die richtige Größe, um sich den eingeschlagenen Meteoriten auch vorstellen zu können, romantisch von Bäumen umsäumt und perfekt in Form. Nur das viel größere, davor gezimmerte Hotel störte ein wenig. Da ich einen von Mittsommernachtsanwärtern angebotenen Captain Morgan auf Ex nicht ablehnen konnte, fuhr nun Torben den Weg zurück zu unserer Hütte. Abends gab es mal wieder Fleisch vom Grill und selbstgebrautes Bier vom Nachbardorf, dass uns der Besitzer unseres Anwesens anbot. Kurz vor Sonnenuntergang, also gegen 23:30 machten wir uns mit ein paar Sixpacks bewaffnet auf zum Strand und von dort aus zum nächst gelegenen Dorf, um die Mittsommernacht der Esten zu erleben. Jimmy verließ sehr schnell die Lust und kehrte um, doch Torben und ich stapften weiter den Strand entlang, um eine Stunde später in Salme einzutreffen. Wider Erwarten waren wir etwas zu spät. Die Dorfjugend hatte schon von Freitag an durchgesoffen und schwächelte nun etwas, und das mit ganzen Bäumen entzündete Feuer war schon sichtlich runtergebrannt. Dennoch war es ein schönes Spektakel. Die Pärchen saßen am Feuer, kleine Kinder spielten trotz der fortgeschrittenen Stunde fröhlich am Karussell und die ortsansässige Band spielte ABBA und andere berühmte Schlager der 70er (natürlich auf Estnisch). Auch Torben und ich nahmen am Feuer Platz und kamen mit der gelassen gut gelaunten Bevölkerung ins Gespräch. Erst unterhielt sich ein etwas russenhassender Elektriker mit uns, dann zwei mit Handtäschchen bewehrte Fashion Victims, die erst heute mit dem Helikopter die Nachbarinsel besucht hatten. Als Torben schon zweimal eingenickt war, traten wir den Rückweg an, den wir leicht fanden, da es schon wieder hell war. Von Mücken zerstochen, fielen wir in unserem Pumakäfig von Hütte auf die Matratze.

Heute stand die Rückfahrt nach Tallinn auf dem Programm. Doch zuerst zollten wir der Bischofsburg von Kuressaare einen Besuch ab. Die noch vollständig erhaltene, aus dem 13. Jhd. stammende Burg lud zum Verlaufen ein. Erneut beeindruckten mich all die versteckten Gänge, dicken Mauern und der undurchsichtige Aufbau. Auf dem Weg zurück zur Fähre hielten wir auf Muhu erneut an der Straußenfarm. Man muss schon (im positiven Sinne) etwas verrückt sein, wenn man in Estland Strauße züchten möchte. Aber die Tiere fühlten sich sichtlich wohl. Und das Futter wurde mit Sicherheit durch den Eintritt und den Souvenirshop bezahlt. Neben Straußen gab es auf der Farm auch Emus, Alpakas, Wallabys und Zebras zu bestaunen. Und dümmliche Touristen. Nun blieb uns nur noch die Fähre. Das „nur noch“ war etwas übertrieben, wie wir einige Kilometer später feststellen mussten. Natürlich wollten alle Esten (und ich meine ALLE Esten) heute wieder zurück aufs Festland und so stellten wir uns brav in die kilometerlange Schlange. Die wartenden Menschen beschäftigten sich jeder auf seine Weise. Einige lösten Kreuzworträtsel, andere tranken die Reste vom Vorabend hinter dem geöffneten Kofferraum mit Stereoanlage, wieder andere sammelten Walderdbeeren oder beschäftigten sich mich anderer Leute Geschlechtsteilen auf den Fahrersitz. Jimmy setzte sich an den Hafen, Torben las seinen Roman weiter und ich schlief über meinem ein. Dennoch habe ich an dem Tag 200 Seiten gelesen, denn wir standen in Summe fast 5 Stunden im Stau. Aber am Ende erreichten wir die feste Erde dennoch. In Tallinn angekommen klingelten wir die Angestellte des Hostels aus dem Bett und schliefen den Schlaf der Gereisten.

Der letzte Tag der Reise brach früh an. Zuerst fuhren wir Jimmy zum Flughafen, verabschiedeten uns von ihm und brachten dann das Auto zurück. Torbens Flug war der nächste und am Ende kam meiner. Aufgrund der langen Reise habe ich an diesem Tag nochmals 300 Seiten lesen können und am Ende nicht mal einen Flug verpasst. Meine Rückreise verlief herrlich unspektakulär Tallinn – Riga – Frankfurt – Würzburg – München und als ich gegen 1:00 endlich in mein Bett fiel, träumte ich von Straußen, Mühlen und die Altstadtstraßen entlang schlendernden Rigaerinnen in Sommerkleidchen.



Dienstag, Juni 25, 2013

Baltikum - Von Tartu bis Riga (18.-21.06.2013)



Liebe Freunde,

herzlich willkommen zum zweiten Bericht meiner Reise durch die Weiten des Baltikums. Der heutige Tag sah eigentlich nur vor, von Tartu bis ins lettische Sigulda zu fahren. Da das allein aber zu langweilig ist, überlegten wir uns einige Zwischenziele. Torben fand im Reiseführer eine Wassermühle bei Kidjärv, Alex ein paar spektakuläre Steilkippen bei Taevaskoja und ich eine Wanderung im Luhasoo Nationalpark. Das hörte sich nach einer spannenden Tour an. Wir frühstückten gemütlich auf der Dachterrasse in der morgendlichen Mittagssonne und los ging es. Das Wetter wechselte zwischen bewölkt und sonnig und nach ca. einer Stunde hatten wir Kidjärv erreicht. Die Wassermühle liegt an einem schnellfließenden Bach mit kleinem See, auf dem das Schilf üppig wuchs und gelbe Kanus plätscherten. Hier hatten sich ein paar Esten mit ihren Holzhäusern eine schöne Idylle erschaffen. Und die Klippen von Taevaskoja lagen auch nur ca. 4km von hier. Einfach hinter dem Bach rechts abbiegen, und schon sind wir da. Nur leider fanden wir den Weg hinter dem Bach nicht. Wir fanden Akste, Ahja, Sääsaare, Adiste, Himmaste, Mammaste, Pölva und viele Dörfer und Höfe mehr, aber trotz Karte und Wegbeschreibung ließen sich diese Klippen nicht auftreiben. Nach etwa einer Stunde, trafen wir auf eine Gruppe Schulmädchen, die mein Englisch verstanden und den Ort Taevaskoja kannten. Mit ihrer Wegbeschreibung fanden wir ihn versteckt im Wald und folgten einem Schild, welches uns aber nicht zu Klippen, sondern zu einem Ferienlager führte. Auch hier hatte noch niemand von den spektakulären Steilklippen gehört. Nach einigem Suchen fanden wir im Wald den Fluss Ahja jögi wieder, einen Parkplatz und schließlich auch die Klippen. Sie ragen ca. 3m hoch auf und liegen an einem romantischen kleinen Stausee mit Picknickplatz. Nur das Wort „spektakulär“ wäre mir zu den kleinen Felsen nie eingefallen, eher „unscheinbar“ oder „niedlich“. Nach einem kurzen Spaziergang setzte ein leichter Nieselregen ein, so dass wir im Auto in Richtung lettischer Grenze entflohen.

Ab Rouge wurden die Straßen immer kleiner und ungefestigter. Der Nationalpark war zwar immer mal wieder ausgeschildert, aber ansonsten war die Landschaft dem Hinterland um die Klippen von Taevaskoja ähnlich. Aus Landstraßen wurden einfache Asphaltstraßen, aus Asphaltstraßen Schotterstraßen, aus Schotterstraßen Feldwege und kurz bevor der Feldweg ein Fußpfad zu werden drohte, erreichten wir die als Parkplatz dienende Wiese vor dem Nationalpark. Hier herrschte eine herrliche Stille, selbst die Vögel schienen gerade Siesta zu halten. Wir entschieden uns, erst spazieren zu gehen und dann Mittag zu machen. Der Pfad führte von der Wiese in einen kleinen Kiefernwald, der sich aber bald öffnete und dessen Bewuchs immer niedriger wurde. Statt Kiefern wuchsen Birken, dann kamen Federgras und Sonnentau. Am Pfad, der uns auf Planken immer weiter in ein intaktes Hochmoor führte, standen in regelmäßigen Abständen Tafeln, die uns über die Bedeutung der Pflanzen und die Zusammensetzung des Biotops aufklärten. Am innersten Punkt des Weges erreichten wir den Torfmoorsee. Hier wuchsen eigentlich nur noch kleine Kiefern und Moose. Nicht einmal eine Mücke war zu sehen. Dafür war gerade Massenhochzeit bei den Libellen. Sie tanzten und kämpften über dem schwarzbraunen See unbekannter Tiefe, an dem die Jahrhunderte bisher spurlos vorübergegangen zu sein schienen. Wenn jetzt gleich die uralte Morla aufgetaucht wäre, wäre ich nicht verwundert gewesen. Auf der anderen Seite des Sees lag versteckt eine kleine Wildhütte mit allem Drum und Dran: Lagerfeuerstelle, Pritschen zum Schlafen, Kaffee. Hier würde es sich aushalten lassen. Aber uns zog der Hunger zurück zum Auto. Nur stand der Weg aus dem Torfmoor heraus etwa eine Fußtiefe unter Wasser. Und er endete irgendwo mitten im Wald. Nach einigem Suchen entschieden wir uns für eine offensichtliche Lichtung, die uns durch zum Teil hüfthohes Gras quer über eine Wiese mit einem Riesenumweg zu einer Straße führte. Viel später als erwartet (aufgrund der langen Tage, ist die Uhrzeit praktisch nicht einzuschätzen) fanden wir endlich unser Auto und damit unser Mittagessen wieder. Es gab Reste der Schlachteplatte von gestern. Nur die Schweineohren waren inzwischen hart geworden und blieben für die Wildtiere.

Nach dem Essen fuhr Torben freundlicherweise weiter und nach einigem Suchen fanden wir einen Schotterweg, der uns nach Lettland brachte. Nun ging es noch einmal 150km in Richtung Riga auf einer schlechten Fernverkehrsstraße, bis wir am Abend Sigulda am Gauja Nationalpark erreichten. Sigulda ist an einem Tal in dem sonst sehr flachen Land gelegen und besteht aus vielen einzeln stehenden Häusern mit viel Garten und Bäumen drum herum. Wir fanden ein nettes Hotel mit einem riesigen Garten und Liegestühlen und fühlten uns sofort wohl hier.

Am nächsten Tag wollten wir das Gaujatal erkunden. Nach einem ausgiebigen Frühstück ging es zu Fuß zu dem noch in Sigulda gelegenen kleinen Schloss und der mittelalterlichen Burgruine, die einst vom deutschen Schwertbrüderorden hier erbaut wurde. Das Burgpersonal war in altertümliche Tracht gewandet und einer der Studenten gab mir einen Einführungskurs in den Schwertkampf. Auch die Aussicht über das Tal war wundervoll. Dieses überquerten wir mit der Seilbahn. Unter uns öffnete sich das Tal mit seinem schnell fließenden Gauja und den vielen Burgen, die hier zu unterschiedlichen Zeiten erbaut wurden. Etwas nicht zu identifizierenden hing in einem Baumwipfel, den die Seilbahn überstrich und als wir näher kamen, sahen wir, dass jemand einen mannsgroßen Teddy hier in der Krone platziert hatte, der den Anschein erweckte, den Baum gerade erklommen zu haben und der Seilbahn zuzuwinken. Die andere Seite des Gaujatals wies auch keinen Burgen- und Schlössermangel auf. Erst passierten wir eine zu einem Sanatorium umgebautes Landhaus und dann eine zerstörte Burgruine aus dem 14. Jhd. Dann führte uns der Pfad auf langer Treppe hinab ins Tal zu einigen Erosionshöhlen. Die berühmteste unter ihnen ist zweifelsfrei die Gutmannshöhle, um die sich die Geschichte der Rose von Turaida rankt. Der Legende zufolge wurde nahe der Burg Turaida nach dem Krieg mit den Schweden ein Baby auf dem Schlachtfeld gefunden und vom Burgherrn aufgezogen. Sie erblühte zu einer Schönheit – der Rose von Turaida – die von vielen Männern begehrt wurde. Aber wie in romantischen Geschichten üblich, verliebte sie sich in einen armen Jungen der auf der anderen Gaujaseite gelegenen Burg Sigulda und sie trafen sich heimlich auf halbem Weg – der Gutmannshöhle. Eines Tages lauerte ein abgewiesener Freier ihr bei der Höhle auf und erschlug sie. Der Bach, der aus der Höhle austritt, sind heute noch ihre Tränen. Bei dieser herzerweichenden Legende haben sich im Lauf der Geschichte viele Leute im weichen Sandstein der Höhle verewigt. Es sind ganze Wappen, zum Teil über 300 Jahre alt, in die Höhlenwand gekratzt worden. Aber die im Bach lebende Frösche und die vielen Zaunkönige im Umfeld der Höhle fand ich mindestens ebenso interessant. Nach gemütlichem Picknick stiegen wir wieder aus dem Tal auf zur Burg Turaida. Sie ist heute ein Museum, und wenn man erst einmal den italienischen, deutschen und chinesischen Reisegruppen entflohen ist, kann man in der Burg  - vom Verlies über den Burgfried und die Heizungsanlagen des 13.Jhds – einiges entdecken. Gegen 17 Uhr traten wir den Rückweg an. Also setzten wir uns an die Bushaltestelle und warteten. Und warteten. Und warteten. Fast zwei Stunden später kam der Bus endlich und wir fuhren zurück nach Sigulda. Abends grillten wir noch im Garten in der Abendsonne und nach einigen Runden Bohnanza ging es ab in die Heia.

Für heute klinkte sich Alex aus dem Tagesgeschäft aus, um einfach mal nichts zu tun. Auch Jimmy hatte aufgrund seines Rückens keine Lust, mit Torben und mir die für heute angedachte Kanutour mitzumachen. Und zu allem Übel fing es an zu nieseln. So entschlossen wir Jungs uns, statt den Fluss Gauja runter zu paddeln, nach Cesis zu fahren, um dort zu wandern. Der Weg führte uns durch diese recht alte Stadt mit verfallenen Holzhäusern und kleinen Gassen hin zur Ordensburg von Cesis. Eigentlich waren es sogar zwei herrschaftliche Gebäudekomplexe. Einerseits die Ordensburg selbst, deren mächtige Türme und einige der Zimmer noch standen. Ich finde von 4m dicken Mauern umgebene 30m hohen Wehrtürme immer wieder faszinierend. Hier würde ich einziehen – ebenso wie ich schon immer im Potsdamer Wasserturm am Theater einziehen wollte. Am Eingang erhielten wir eine Laterne, denn der Aufgang zum Südturm war komplett in tiefster Dunkelheit gefangen – nur ab und zu drang ein „incroyable“ der französischen Reisegruppe vor uns zu uns herunter. Als die Franzosen genug herumgewundert hatten, genossen wir die Aussicht von der Turmspitze aus über das Land. Neben der alten Burg lag aber noch ein unscheinbares Museum in einem als Landhaus anmutenden Gebäude. Es entpuppte sich aber als kleines Schloss des ausgehenden 18. Jhd. und mit seinem unergründlichen Aufbau – jedes Stockwerk hatte einen anderen Charakter, hinter jeder Ecke lauerte ein versteckter Gang, ein schmaler Aufstieg in ein anderes Zimmer oder den Turm – dass es mich sofort in seinen Bann zog. Im Erdgeschoß zeigte das Museum die Geschichte des Schlosses auf, in den oberen Stockwerken konnten wir aber einfach schön gestaltete Zimmer, wie der 200 Jahre alten Bibliothek, bestaunen und oben unter dem schwer zu findenden Dachstuhl wurden Gemälde und Skulpturen  aller Epochen ebenso wie kitschige Uhren ausgestellt. Höher lag nur noch der von der alten Burg verbliebene Turm mit seiner tollen Aussicht. Als wir das Museum verließen, hatte der Nieselregen immer noch nicht aufgehört und so setzten Torben und ich mich – nach einem Rundgang durch den Schlossgarten – in ein kleines Café, während Jimmy im Auto Siesta hielt. Ich aß verkehrte Welt – eine kalte Rote-Beete-Joghurtsuppe und trank dazu einen heißen Apfelsaft mit Karamell. Da das Wetter alles andere als zum Wandern einlud, fuhren wir zurück nach Sigulda, um zusammen einen faulen Spätnachmittag zu verleben. Alex machte Eierkuchen (Pfannkuchen, für die Nicht-Preußen) und wir schlemmten nach Herzenslust in den Sonnenuntergang hinein.

Die Nacht über ging es mir schlecht. Ich habe bis heute noch nicht herausfinden können, was ich nicht vertragen habe, denn ab 3Uhr verbrachte ich die Nacht in der Porzellanabteilung unseres Hostels. Als wir morgens in Richtung Riga aufbrechen wollten, war ich immer noch nicht transportfähig und der kalte Schweiß lief mir den Rücken herunter. Jimmy kochte mir freundlicherweise einen Tee und die anderen warteten geduldig, bis ich fit genug war, um die kurze Fahrt von 50km nach Riga zu wagen. Riga ist größer und geschäftiger als ich angenommen hatte. Und da das ständige Anfahren im Stau für meinen Magen einer andauernden Achterbahnfahrt gleich kam, stieg ich vorher aus und lief zu dem Hostel, das wir uns ausgeguckt hatten. Die anderen kamen zeitgleich hier an. Wir nahmen uns vier Betten in deinem Zehn-Bett-Dorm und während Jimmy und Torben einen Parkplatz suchten, blieb Alex bei mir im Hostel, wo ich sofort einschlief. Ich erwachte eine Stunde später, als die Hostelangestellte hereinkam und Alex fragte, ob sie ihr Handy in der Küche hatte liegenlassen. Falls ja, wurde es gerade geklaut. Sie hatte den Satz noch nicht beendet, als Alex schon die Treppe hinunterschoss, sich auf dem Überwachungsmonitor die Person ansah, die als letzte das Hostel verlassen hatte und aus der Tür flitzte. Alex fand den Typen in der Tat in einer Straße um die Ecke und entriss ihm ihr Handy. Ihr schnelles und beherztes  Auftreten hatte ihr das Telefon gerettet.

Als die Jungs wieder da waren, machten wir uns auf den Weg, die Stadt zu erkunden. Alex und Torben mussten noch Geld tauschen (Lettland hat noch nicht den Euro) und Jimmy und ich entdeckten die Altstadt. Riga unterscheidet sich sehr von Tallinn, obwohl beide Städte aus der Ordensritterzeit stammen. Auch Riga besitzt alte Gildehäuser, aber die meisten Häuser an den verwinkelten Strassen im Zentrum stammen wohl aus dem 19.Jhd. und fühlen sich gar nicht mittelalterlich an. Nachdem Jimmy und ich den Dom, die „Drei Brüder“ und den Pulverturm angesehen hatten, trennten sich unsere Wege. Ich brauchte nach der halben Stunde Fußmarsch dringend eine Pause und versuchte es in einem Café mit russischer Irish Folk Band heute erstmalig mit flüssiger Nahrung. Das ging auch ganz gut und so wagte ich mich wieder zu Fuß in die Stadt. An was ich mich am meisten in Riga erinnere, ist, dass alle Frauen, die ich sah, mit ihren leichten, farbigen Sommerkleidern die Sommerfrische in die Stadt trugen. Sie hatten sich herausgeputzt, um sich zu präsentieren und jedem zu zeigen, wie sie das Leben genossen. Ob es daran lag, dass heute der längste Tag des Jahres war, oder nach Wochen von oft bedecktem Wetter um die 20°C heute der Sommer mit voller Macht und fast 30°C über die Stadt hereinbrach, vermag ich nicht zu sagen. Auf jeden Fall war die holde Weiblichkeit schön anzusehen und vermochte mich mit ihrer guten Laune anzustecken. Ich schlenderte also über die Plätze der Altstadt hinaus, am Freiheitsdenkmal vorbei in Richtung Alberta Iela – einer Straße in dem größten Jugendstilviertel Europas, wodurch Riga seinen UNESCO-Weltkulturerbestatus errungen hatte. Die Häuser waren in Grundzügen den alten Bürgerwohnhäusern Potsdams nicht unähnlich (stammten sie denn auch aus derselben Zeit), aber die Fassaden der Rigaer Häuser waren viel fülliger und auch kitschiger mit Figürchen, Reliefs und Ornamenten verziert, als es in Potsdam der Fall ist. Beeindruckend übertrieben! Von dort aus begab ich mich den die Altstadt umgebenden, ehemaligen Burggraben entlang, welcher heute als Park umgestaltet wurde, und genoss die schattigen Bäume und flirtenden Pärchen auf den Parkbänken. Am anderen Ende des Parks fand ich schließlich die Markthallen Rigas, in denen auf tausenden Quadratmetern alles von frischen Kirschen über Käse bis selbstgemachter Schweinskopfsülze angeboten wurde. Um 17 Uhr hatte ich mich mit Jimmy im Hostel verabredet. Dort legte ich mich wieder hin und wir warteten auf die Rückkehr der anderen. Zu schwach, die Stadt weiter zu erkunden aber zu tatenlustig, diesen wunderschönen Abend im Dorm zu vergeuden, gingen Jimmy und ich über den Gräsermarkt auf dem Domplatz zu einem Orgelkonzert im Dom. Die Orgel war gut dimensioniert und füllte mit ihren markerschütternden Melodien von Bach bis Debussy die Schiffe der Kirche. Begleitet wurde sie bei einigen Stücken von Geige, Horn oder Flöte. Aber die schönsten Stücke gehörten der Altistin, die mit ihrer warmen Stimme die alten Säulen erzittern ließ.