
Liebe Freunde,
heute schreibe ich euch vom
dritten und letzten Teil meiner Reise durch das Land der mit Kiefern gesäumten
Ostseeküste, der roten Beete, Walderdbeeren und der Sprachen mit zu vielen ÜÜÜÜÜs
und ÄÄÄÄÄs.

Letzten Samstag nun war die Zeit des Abschieds gekommen. Des
Abschieds von Alex. Sie musste aus beruflichen Gründen schon früher zurück nach
Deutschland, hatte aber noch einen Tag in Riga zur Verfügung. Nach dem
Frühstück verließen wir das Hostel in Richtung geparktem Auto und

wünschten
Alex noch einen schönen Tag in Lettland. Vor uns Jungs lag die wohl längste
Etappe unserer Reise – von Riga nach Saaremaa – immer an der Ostseeküste
entlang. Ich war allerdings bald von der Fahrt enttäuscht, da wir zwar parallel
zur Küste fuhren, aber sie aufgrund einiger 100Meter Kiefernwalds nie zu
Gesicht bekamen. Daher bogen wir zwischendurch mal ab, um an einer Stelle mit
besonders schönen Klippen auf die Ostsee zu schauen. Ihr erinnert euch an
meinen letzten Post? Genau, hier war es ebenso. Wir sind zwar einige Kilometer
auf Waldwegen immer an der Küste entlang gefahren, bis wir vor einem
Privatgrundstück standen und alles zurückfahren mussten, aber keine Klippen
weit und breit.

Trotzdem war die mit Findlingen übersäte Küste recht schön – in
einem „schön anzuschauen“-Sinn, nicht im „schön hier baden zu gehen“-Sinn.
Dann verließen wir schließlich Lettland, in
dem jedes zweite Wort wie Laubskaus klingt und betraten erneut das Land der Esten
(in dem jedes zweite Wort wie Bikülää, ääh Bierkühler klingt). Am frühen
Nachmittag trafen wir in Virtsu auf die anderen Mittsommernachtswilligen vor
der Fähre. Es bildete sich eine lange Schlange vor dem Anleger, und wir mussten
zwei Fähren ziehen lassen, bis wir endlich an Bord kommen durften. Doch
schließlich lagen die Inseln vor uns.

Zuerst Muhu, die immer nur als
Fußabtreter der größeren Insel Saaremaa gehandelt wird. Völlig zu Unrecht, wie
ich finde. Neben dem besten Restaurant Estlands (dass wir zu meinem Bedauern
aufgrund basisdemokratischer Abstimmung ausließen) besitzt Muhu auch noch
einige Windmühlen, ganz zu schweigen von flacher grüner Landschaft, leuchtend
gelben Rapsfeldern und dem Fischerdorf Koguva – unserem ersten Ziel. Dieses
nach einem japanischen Landschaftsmaler der

Edo-Epoche klingende Dorf ist heute
ein Museumsdorf, dass mit 500 Jahren Inzucht von sich reden macht. Nein,
ehrlich. Am Ortseingang steht als Hauptmerkmal, dass das Dorf 1532 gegründet
wurde und dass es heute noch mehrheitlich von den Gründungsfamilien bewohnt
wird. Fast alle Bewohner sahen aber zumindest rein äußerlich normal aus. Bis
auf die Werke der ortsansässigen Künstlerin, die Bronzeskulpturen mit Rottweilerkörper
und Penis mit Stachelhalsband als Kopf fertigte. Und die barbäuchigen Esten,
die in der

Nachmittagssonne vor ihrem Künstlercafé Wodka in sich
hineinschütteten. Ansonsten war es nahezu menschenleer in Koguva. Vielleicht
war ich doch etwas vorschnell mit meinem Urteil über Normalität. Am Hafen ließ
man uns aber in das Fischereimuseum eintreten, welches eigentlich derzeit
geschlossen war, da der ortsansässige Fischer gerade Mittagsschlaf hielt und
wir fanden – nur alte Netze und Bojen. Kein Vergleich zum Kapitänsmuseum von
Käsmu. Doch die Häuser des Dorfes machten schon einiges her. Sie waren alle
reetgedeckt, von alten, bemoosten Steinmauern umgeben und in der
Nachmittagssonne wildromantisch. Das andere Highlight auf Muhu ist die
Straußenfarm. Leider schloss sie gerade, so dass wir unseren Besuch um zwei
Tage verschieben mussten.

Über den Damm durch die Ostsee
kamen wir schließlich nach Saaremaa. Torben hatte unsere Unterkunft im Voraus
gebucht, denn wir fürchteten, zur Mittsommernacht sonst keine mehr zu bekommen.
Nach einigem Suchen fanden wir sie auch – versteckt im Wald. Der Verwalter kam
per Fahrrad und zeigte uns unsere kleine Hütte in der Größe der
Huckleberry-Finn-Flöße auf der Havel. Wenn wir unser Gepäck im Auto lassen
würden, würde es gehen. Außerdem gab es ein paar Holzhäuser, von denen eines
bewohnt war. Wir nannten die 20-köpfige Partytruppe, die sich mit einer großen
Anlage, aus der vom Dschingin-Khan-Klassiker „Moskau“ (auf Estnisch) bis Techno
alles lief, und Bier über Wasser hielt, nur noch den Orden der Partybrüder.
Während Torben und Jimmy versuchten, einen Laden für Abendbrot zu finden,
packte ich schon mal aus. Und das estnische Mückentötulin von Torben zeigte
seine chemische Überlegenheit mit ganzem Stolz, so dass ich bei Rückkehr der Jungs
nicht als ausgeblutete Leiche vor der Hütte lag. Wir grillten mit geklautem
Holz und Kohlen aus dem Laden und es wurde noch ein gemütlicher Abend (zu
Technomusik).

Nachdem wir am nächsten Tag gegen
Mittag von Techno geweckt wurden, beschlossen wir, die Insel zu erkunden. Also
ab ins Auto und in den Nationalpark Vilsandi. Eine ältere Dame harrte tapfer
allein im Besucherzentrum aus und erklärte uns anhand von detaillierten Karten
alle Wanderwege der Insel. Wir versuchten es an der Küste und stellten fest,
dass der Weg zur Insel Vilsandi durch mehrere Kiesbänke und bis zu hüfthohes
Ostseewasser führte. Aber da der Tag schon fortgeschritten war,

Torben seine
Badehose und ich meine neu gekaufte Neoprenfüßlinge *stolz* leider in der Hütte
gelassen hatten, entschieden wir uns gegen die Wanderung. Wenn ich noch einmal
nach Saaremaa kommen sollte, werde ich nach Vilsandi wandern. Stattdessen
fuhren wir auf Schotterwegen (mehrfach aufsetzend) an das Kap Undva, wo es am
Strand Fossilien geben sollte. Auch hier waren wir nicht allein, denn eine
estnische Familie trank sich schon für Mittsommernacht warm, aber die weit in
die nur wenige Zentimeter tiefe Ostsee hinausragende Kiesbank war einfach
traumhaft.

Und in der Tat, bestand praktisch jeder dritte Stein, den ich
umdrehte, aus Fossilien. Zwar habe ich weder Donnerkeil noch Ammoniten
gefunden, aber viele versteinerte Korallen, Schwämme und Seeanemonen. Zumindest
eine habe ich mir eingesteckt. Der Rest bleibt für andere Sammler. Die Rundtour
führte uns nun weiter über die Panga pank - das sind erstmalig Klippen, die wir
gefunden haben (wie die Kreidefelsen auf Rügen, nur kleiner und dennoch sehr
schön), und die Mühlen von Angla (fünf nebeneinander aufgestellte
Bockwindmühlen, die holländisch anmuten und voll von Touristen waren) hin nach
Kaali.

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund trafen die Insel Saaremaa mehr
Meteoriten als jeden anderen Punkt der Erde. Und in Kaali befand sich ein
Meteoritenkrater, der das Ideal eines Kraters darstellte: Die richtige Größe,
um sich den eingeschlagenen Meteoriten auch vorstellen zu können, romantisch
von Bäumen umsäumt und perfekt in Form. Nur das viel größere, davor gezimmerte
Hotel störte ein wenig. Da ich einen von Mittsommernachtsanwärtern angebotenen
Captain Morgan auf Ex nicht ablehnen konnte, fuhr nun Torben den Weg zurück zu
unserer Hütte.

Abends gab es mal wieder Fleisch vom Grill und selbstgebrautes
Bier vom Nachbardorf, dass uns der Besitzer unseres Anwesens anbot. Kurz vor
Sonnenuntergang, also gegen 23:30 machten wir uns mit ein paar Sixpacks
bewaffnet auf zum Strand und von dort aus zum nächst gelegenen Dorf, um die
Mittsommernacht der Esten zu erleben. Jimmy verließ sehr schnell die Lust und
kehrte um, doch Torben und ich stapften weiter den Strand entlang, um eine
Stunde später in Salme einzutreffen. Wider Erwarten waren wir etwas zu spät.

Die Dorfjugend hatte schon von Freitag an durchgesoffen und schwächelte nun
etwas, und das mit ganzen Bäumen entzündete Feuer war schon sichtlich runtergebrannt.
Dennoch war es ein schönes Spektakel. Die Pärchen saßen am Feuer, kleine Kinder
spielten trotz der fortgeschrittenen Stunde fröhlich am Karussell und die
ortsansässige Band spielte ABBA und andere berühmte Schlager der 70er
(natürlich auf Estnisch).

Auch Torben und ich nahmen am Feuer Platz und kamen
mit der gelassen gut gelaunten Bevölkerung ins Gespräch. Erst unterhielt sich
ein etwas russenhassender Elektriker mit uns, dann zwei mit Handtäschchen
bewehrte Fashion Victims, die erst heute mit dem Helikopter die Nachbarinsel
besucht hatten. Als Torben schon zweimal eingenickt war, traten wir den Rückweg
an, den wir leicht fanden, da es schon wieder hell war. Von Mücken zerstochen,
fielen wir in unserem Pumakäfig von Hütte auf die Matratze.


Heute stand die Rückfahrt nach
Tallinn auf dem Programm. Doch zuerst zollten wir der Bischofsburg von
Kuressaare einen Besuch ab. Die noch vollständig erhaltene, aus dem 13. Jhd.
stammende Burg lud zum Verlaufen ein. Erneut beeindruckten mich all die
versteckten Gänge, dicken Mauern und der undurchsichtige Aufbau. Auf dem Weg
zurück zur Fähre hielten wir auf Muhu erneut an der Straußenfarm. Man muss
schon (im positiven Sinne) etwas verrückt sein, wenn man in Estland Strauße
züchten möchte. Aber die Tiere fühlten sich sichtlich wohl.

Und das Futter
wurde mit Sicherheit durch den Eintritt und den Souvenirshop bezahlt. Neben Straußen
gab es auf der Farm auch Emus, Alpakas, Wallabys und Zebras zu bestaunen. Und dümmliche
Touristen. Nun blieb uns nur noch die Fähre. Das „nur noch“ war etwas
übertrieben, wie wir einige Kilometer später feststellen mussten. Natürlich
wollten alle Esten (und ich meine ALLE Esten) heute wieder zurück
aufs Festland
und so stellten wir uns brav in die kilometerlange Schlange. Die wartenden
Menschen beschäftigten sich jeder auf seine Weise. Einige lösten
Kreuzworträtsel, andere tranken die Reste vom Vorabend hinter dem geöffneten

Kofferraum mit Stereoanlage, wieder andere sammelten Walderdbeeren oder
beschäftigten sich mich anderer Leute Geschlechtsteilen auf den Fahrersitz.
Jimmy setzte sich an den Hafen, Torben las seinen Roman weiter und ich schlief
über meinem ein. Dennoch habe ich an dem Tag 200 Seiten gelesen, denn wir
standen in Summe fast 5 Stunden im Stau. Aber am Ende erreichten wir die feste
Erde dennoch. In Tallinn angekommen klingelten wir die Angestellte des Hostels
aus dem Bett und schliefen den Schlaf der Gereisten.

Der letzte Tag der Reise brach
früh an. Zuerst fuhren wir Jimmy zum Flughafen, verabschiedeten uns von ihm und
brachten dann das Auto zurück. Torbens Flug war der nächste und am Ende kam
meiner. Aufgrund der langen Reise habe ich an diesem Tag nochmals 300 Seiten
lesen können und am Ende nicht mal einen Flug verpasst. Meine Rückreise verlief
herrlich unspektakulär Tallinn – Riga – Frankfurt – Würzburg – München und als
ich gegen 1:00 endlich in mein Bett fiel, träumte ich von Straußen, Mühlen und die
Altstadtstraßen entlang schlendernden Rigaerinnen in Sommerkleidchen.